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Interview

„Die Zuhörerinnen haben geweint.“

Die Lesefest-Jury stellt sich vor: YALDA FARANGIS SAWGAND

Yalda ist Lyrikerin und in Afghanistan geboren. Sie wuchs in der Provinz Mazar-e-Sharif auf und studierte dort Jura und Politik. Als Schriftstellerin und Abgeordnete engagierte sie sich in Afghanistan gegen Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen und Mädchen. 2015 musste Yalda ihre Heimat verlassen. Sie lebt heute in Preetz.

Wann hast du dein erstes Gedicht geschrieben?

Yalda: Mein erstes Gedicht habe ich in der 10. oder 11. Klasse geschrieben. Als ich 17 Jahre alt war. Dazu muss ich sagen, dass ich erst in der 5. Klasse mit der Schule angefangen habe. Wegen der Taliban konnte ich vorher nicht in die Schule gehen. Wir waren die ganze Zeit zuhause – wie Erwachsene. Wir konnten nichts machen. Erst nachdem die Taliban weg waren, konnte ich etwas machen, konnte ohne Kopftuch unterwegs sein,

Warum hast du angefangen zu schreiben?

Yalda: Ich habe so viele Ungerechtigkeit gesehen. Männer haben Frauen geschlagen. Taliban haben Frauen geschlagen. Alles war in meinem Kopf. Plötzlich ist alles explodiert und ich habe angefangen zu schreiben.

Ich hatte schon immer viel Interesse an Literatur, habe klassische Autoren gelesen. Ich war sehr aktiv in diesem Fach. Ich habe die anderen Schülerinnen über Gedichte unterrichtet und mich darauf sehr gut vorbereitet. Und dann war ich in der Schule und habe mich gemeldet. Und ich wollte lesen. Ich habe meine ersten Gedichte gelesen. Wie Männer mit Frauen umgegangen sind. Die Zuhörerinnen haben geweint. Auch Männer haben geweint. Später habe ich dann auf einem Blog Gedichte veröffentlicht. Im PEN-Zentrum habe ich Kurse besucht.

Ich habe mich in Afghanistan politisch engagiert. Ich habe Frauen und ihre Kinder im Gefängnis besucht. In Afghanistan sitzen viele unschuldige Frauen im Gefängnis. Eine Frau hatte damals Zwillinge im Gefängnis geboren. Die Kinder, die mit ihren Eltern im Gefängnis leben, dürfen nicht rausgehen, sie haben keine Spielsachen, keinen Spielplatz. Wie können diese Kinder groß werden? Ich habe den Kindern geholfen. Mein Bruder ist Rechtsanwalt und er hat den Frauen kostenlos geholfen, weil ich ihn darum gebeten habe.

Schreibst du auch fröhliche Gedichte?

Yalda: Doch. Aber wenn ich weine, wie kann ich dann ein fröhliches Gedicht schreiben? Ich habe obdachlose Kinder gesehen, Zwangsverheiratung, Kindesmissbrauch. Darüber habe ich geschrieben.


Triggerwarnung: Die folgenden Gedichte sind nicht für Kinder geeignet. Sie enthalten Erwähnungen von Tod, Suizid, seelischer, körperlicher und sexualisierter Gewalt. Bei manchen Menschen können diese Themen negative Reaktionen auslösen. Bitte sei achtsam, wenn das bei dir der Fall ist.


3 Gedichte von Yalda

Windspiel
Ich liege da, lasse meinen Gedanken freien Lauf.
Wie eine verheiratete Frau liege ich auf
dem Bett und warte. Auf ihn.
Ich habe starkes Verlangen nach Sex. Aber nein, eigentlich will ich doch eher Zärtlichkeit, Vertrautheit, Behutsamkeit.
Du nimmst mich als Frau nicht richtig wahr.
Betrachtest du mich mit Verachtung, richte ich meinen Blick in gleicher Weise auf deine Ehefrau.
In der Hitze des Monats Jauza schießt mir Blut aus dem Kopf.
Jetzt bin ich die Frau mit dem Tumor im Gehirn.
Ich werde eine Last für dich sein.
Immer mehr Fragen tauchen auf. Ich suche Antworten darauf.
Warum bin ich wie der Wind?

Das Leben küssen
In meinem Bett liegt eine Leiche
Sie sieht merkwürdig aus.
Krähen bringen Unglück, genau wie mein Mann.
Gestern Nacht hat er meinen ganzen Körper gescreent,
mit eiserner Faust, gar nicht sanft, hastig, ließ mir nicht die Zeit,
meine staubige Kleidung abzulegen und mich zu waschen.
Riss mir das Tuch vom Kopf schnürte mir die zarten Hände auf den Rücken.
Hat mir das Kind im Bauch getötet.
Wir haben gestritten.
Ich gehe in mein Zimmer. Mein Kopfkissen wird nass von meinen Tränen.
Er kommt und fasst mir an die Äpfel, mit Händen aus Stein.
Ich soll reden. Habe aber höllische Schmerzen.
Fühle mich sterbenselend, möchte tot sein.
Da tauchen in meiner Erinnerung zwei Küsse auf …

Die Frau des Qariadors
Meine Mutter sagt zu mir: Weine nicht, Faran!
Morgen bei Sonnenaufgang bricht eine neuer heller Tag an.
– Was machst du dir Sorgen, Mutter? In unserem Land
werden doch täglich zwei-drei Frauen ermordet.
Ein junges Mädchen hat sich einen Strick um den Hals geschlungen.
Das Dorf kommt zusammen und weint.
Meine Tochter wurde zur Mutter meiner Kinder.
Mein Mann ist der Qariador hier im Dorf.
Der Qariador ist mein Ehemann.
Wir haben Brot und Getreide im Überfluss. Abends trinken wir Wein.
Im Krug das Blut unserer Dorfbewohner …

Ich habe nachgesehen : Es ist niemand zu Hause.
Also bin ich hinausgegangen. Da sah ich meinen Mann
in Windeseile zum Haus laufen. Ich erstarrte zu Tode,
wurde bleich wie ein Leichentuch.
Meine Mutter ruft: Aufstehen! Die Schafe verdursten sonst!
Ich stehe auf und laufe los, ohne mir vorher das Gesicht zu waschen.
Die ganze Herde ist tot.
Der Wolf hat alle Schafe gerissen.
Meine Mutter sagt: Weine nie wieder. So wirst du selbstbewusst
und stolz wie der Dorfkrämer.
Da kommt das LEBEN selbst. Es schreit:
Nimm doch den Giftbecher!